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10. Juni: Simon kommt nach Hause  Von Antje-Maria LOCHTHOFEN
 Heute gibt es in Markvippach etwas zu erleben. Simon kommt nach Hause, vielleicht ist der Bürgermeister da, Nachbarn und Freunde wollen den jungen Mann begrüßen und natürlich selbst sehen, ob er tatsächlich laufen kann. MARKVIPPACH. Ab heute wird alles anders. Heute beginnt das Leben neu. Seit Wochen warten die Geschwister auf diesen Tag. Francesca (12) und Leon (4) haben sich vorgenommen, den kleinen Bruder nicht # oder wenig # zu ärgern, Schokolade und Gummibären mit ihm zu teilen. Und natürlich werden sie mit Simon angeben. Wer hat schon einen Bruder, der seinen Fuß ausziehen kann. Nur keine Verrenkung, Kinder sagen, wie es ist und machen es mit ihrer Direktheit auch anderen leichter. Leichter, Mitleid hinunterzuschlucken und lieber zu fragen, ob man vielleicht helfen kann. Einkaufen oder so. Hilfe wird Familie Seyfarth brauchen. Fast ein halbes Jahr lebte sie in einer Art Ausnahmezustand. Vor Weihnachten wurde Simon krank. Es ist ein Wunder, dass er die schwere Meningokokkeninfektion überstand. Tödliche Bakterien vergifteten den kleinen Körper, vernichteten gesundes Gewebe, der linke Fuß musste amputiert werden. Ein bitterer Weg für die Familie, eine Zeit, die sie am liebsten vergessen möchten, diese alles übertönende Angst: Wird Simon morgen wieder aufwachen. Er hat es geschafft, Ärzten und Schwestern mit seinem Lebenswillen Respekt abgenötigt und in den Wochen der Rehabilitation seine Therapeutin erfreut. Ewiges Üben mit der Prothese, mit diesem fremden Fuß, vor dem er sich fürchtet, den er nicht anfassen will, aber doch mit der Zeit und viel Geduld dahinterkommt, dass dieses Etwas (aus Silikon) so seine Vorteile hat. Simon lernt laufen, die Freude darüber wird man heute in Markvippach sehen. Das heißt, wenn der Trubel für den jungen Mann von 21 Monaten nicht zu viel wird. Er war lange fort, vielleicht kennt er das Haus nicht mehr, vielleicht weint er, weil alles fremd ist. Wir kriegen das hin, sagt der Vater, der sich nach einem normalen Leben sehnt, der es kaum erwarten kann, wieder zu arbeiten, Geld zu verdienen und nicht weiter auf Hartz IV angewiesen zu sein. Sven Seyfarth ist all die Wochen bei seinem Sohn geblieben. So ein kleines Kind kann man doch nicht allein lassen, es braucht vertraute Hände und eine Stimme zum Trösten. Das können Vater und Mutter am besten. Mediziner wissen das, Eltern wissen das. Ob sich das auch in der Politik herumgesprochen hat, ist nicht sicher. Denn dann würde eine Familie wie die Seyfarths nicht um ihre Existenz bangen. Wer sein todkrankes Kind pflegt, kann kein Baugeschäft führen und fällt als Hauptverdiener aus. Die Mutter ist zu Hause, versorgt zwei Kinder und hilft in einer Gaststätte, wenn sie gebraucht wird. So kommt es, dass die Seyfarths manchmal nicht wissen, woher sie das Fahrgeld in die Klinik nehmen sollen, um Simon zu sehen. Die Großzügigkeit vieler Leser hat die Familie über diese Zeit getragen. Geschenktes Geld finanziert bis heute Narbensalbe und wird jetzt für Schuhe ausgegeben. Über die Prothese passen keine aus dem Regal, nur orthopädische. Die sind teuer. Die Seyfarths klagen nicht. Sie sind dankbar, dass Simon lebt. Sie sind dankbar für die Hilfe von so vielen fremden Menschen, die für Simon ihr Herz öffneten. Jetzt wünschen sie sich ganz normalen Alltag. Mit richtiger Arbeit für den Vater.