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5. Mai: Der neue Fuß SKEPTISCH: Ist wie ein Schuh anzuziehen, aber Simon bleibt trotzdem ablehnend.Simon ist der Junge, der überlebt hat. Eine schwere Meningokokkensepsis vergiftete seinen Körper. Kurz vor Weihnachten kam er ins Helios-Klinikum nach Erfurt, 16 Monate alt. Es stand schlecht um ihn. Die Ärzte rechneten mit dem Schlimmsten und gaben ihn doch in keiner Minute auf. Jetzt hat es Simon geschafft. Aber der Weg ist noch weit. Für ihn und seine Eltern. SÜLZHAYN. Der linke Arm ist noch dran. Simon kann ihn fast anwinkeln und manchmal benutzt er ihn, um dem Kipper einen Schlenker zu geben, damit der endlich vorwärts rollt. Simon krabbelt flott durch das Spielzimmer. Er scheint nicht unzufrieden mit dem Rehabilitationszentrum in Sülzhayn, zumindest was Spielsachen und Ziegen betrifft. Die gefallen ihm sehr, er hat keine Angst, und wenn sie an seiner Hand schnuppern und gar so dringend Löwenzahn verlangen, dann ist ja auch der Papa noch da. Auf seinem Arm ist Sicherheit. So war das all die langen Monate der Krankheit, die ein gesundes Kind an den Abgrund bringt und einer Familie fast die Hoffnung nimmt. Eine schwere Meningokokkeninfektion. Aggressive Bakterien vergiften den Körper. Simon verliert das Bewusstsein, liegt im Koma. Es geht um Leben und Tod. Sven Seyfarth (27) ist bei seinem Sohn in der Klinik geblieben. Saß am Bett, wenn der Kleine nach einer der unzähligen Operationen aufwachte, hat ihn getröstet und seine Tränen hinuntergeschluckt. Immer wieder eine Narkose, immer wieder diese lähmende Angst. Abgestorbenes Gewebe muss entfernt werden, Haut transplantiert. Über den kleinen Körper ziehen sich Narben wie rote Striemen. Gegen die Wucherungen hilft teure Salbe und ein Kompressionsanzug, den muss Simon Tag und Nacht tragen, das ist kein Vergnügen. Den linken Fuß konnten die Ärzte nicht retten, zu weit die Zerstörung. Und lange sieht es so aus, dass auch der Arm abgenommen werden muss. Totes Gewebe bis auf den Knochen, das schreckliche Wort Amputation hämmert im Kopf des Vaters. Aber dann passiert ein Wunder. Ärztliche Kunst, der Widerstand des kleinen Jungen, in dem Kräfte stecken, die keiner für möglich hält und vielleicht ein Schutzengel oder alles zusammen, wenden das Schreckliche ab. Der Arm ist dran, sagt der Vater, und das mit dem Fuß kriegen wir auch hin. Seine Stimme klingt forsch, die Fröhlichkeit bemüht. Seit dem 15. April ist Sven Seyfarth mit seinem Sohn zur Rehabilitation im Südharz. Alles ist auf gutem Weg, scheint es. Ein junger Mann von 20 Monaten, immer noch zu dünn, immer noch eingeschränkt in seinen Bewegungen, aber flink im Verstehen und heiter im Gemüt. Mit dem Sprechen hapert es noch. Aber das wird sich alles geben. Wenn er erst zu Hause mit Geschwistern und Hund unterwegs ist. Das wird dauern. Jetzt muss er sich mit der Prothese anfreunden. Simon mag dieses fremde Ding nicht, er weint beim Anprobieren, und will es auch nicht anfassen. Die Prothese ist das Beste, was der Markt zu bieten hat, Silikon, saubere Maßarbeit, von der Krankenkasse bezahlt und mit dem Wachstum stets erneuert. Simon ist skeptisch. Aber er wird wohl dahinterkommen, dass er mit diesem Fuß deutlich schneller davonlaufen kann. Er wird viel üben müssen, und der Vater muss ihm beistehen, dabei schnürt es ihm den Hals zu. Ein Krüppel, mein kleiner Sohn. Natürlich ist so etwas nicht zu sagen, nicht mal zu denken. Sei froh, dass er lebt. Doch Bitterkeit lässt sich nicht so leicht hinunterschlucken. Was wäre, hätte die Ärztin Simon gleich beim ersten Besuch in die Klinik eingewiesen, nicht erst am nächsten Tag. Was wäre Simon erspart geblieben. Nutzlose Gedanken, die nichts ändern, nur die Seele verhärten. Trotzdem, Sven Seyfarth hat die ärztliche Schlichtungsstelle angerufen. Eine Klage. Es geht auch um Geld, sagt er. Und Träume. Fußballspielen mit dem Sohn, vielleicht wird er ja mal ein richtiger Profi, auflaufen im Dress von Borussia Dortmund, das wäre das Größte. Vergiss es, und keine Schwachheit zeigen. Wir schaffen das, stimmt's Simon. Sven Seyfarth setzt den Sohn eine Spur zu energisch auf den Tisch. Simon nimmt das nicht übel, der Vater ist da, die Welt in Ordnung. Er sagt Papa, und wenn die Mutter am Wochenende mit den Geschwistern kommt, dauert es eine Weile, bis alle ganz entspannt sind. Ist ein Papakind, lächelt Sandra Seyfarth (29), die mit Leon (4) und Francesca in der Woche allein in Markvippach ist. Von Familienleben kann keine Rede sein. Die Geschwister geben sich viel Mühe, aber irgendwann fühlen sie sich doch zurückgesetzt, wenn sich alles und alles um Simon dreht. Auch wenn sie ihn liebhaben, ihn verteidigen, na klar, wird der laufen lernen und rennen und in die Schule gehen, irgendwann ganz bestimmt. Es ist ihr Bruder, aber Mama und Papa sollen endlich wieder zu Hause sein, alle beide. Sie sollen sich nicht so viele Sorgen machen und so ein trauriges Gesicht. Francesca hat manchmal Ärger in der Schule und mit fast zwölf fängt man an, sich über die Anweisungen der Mutter aufzuregen. Es gibt laute Worte, Tränen, die keiner will. Das belastet, langsam wird es für alle Zeit, dass wieder ein normales Leben beginnt. Aber was ist schon ein normales Leben. Sven Seyfarth wird bei seinem Sohn bleiben, solange die Rehabilitation dauert. Simon braucht mich. Das gilt, auch wenn er immer unruhiger wird. Seine Baufirma besteht nur auf dem Papier, die Selbstständigkeit ruht, die Rechnungen nicht. Subunternehmer warten auf Geld. Geld, dass Sven Seyfarth nicht hat. Er spricht von Außenständen seiner Kunden und weiß nicht, wie er sie je bekommen soll. Er weiß nur, dass er jetzt seine Familie mit Hartz IV durchbringen muss, kein Gedanke an Schuldentilgung, kein Gedanke an ein vernünftiges Leben. Am vergangenen langen Wochenende war Sandra mit den Kindern zu Besuch in der Klinik, 43 Euro am Tag für die ganze Mannschaft, das ist ein sozialer Preis. Unerschwinglich für die Seyfarths. Vielleicht müssen wir es von Simons Konto nehmen, sagt der Vater. Er ist dankbar für all das Geld, die guten Worte von wildfremden Menschen. Als diese Zeitung am 6. Februar über Simon berichtete, kam am nächsten Tag ein Mann aus Nordhausen in die Klinik nach Erfurt, er hatte einen Umschlag mit 1000 Euro für ihn. So kamen einige tausend Euro zusammen. Simons Geld, sagt der Vater, es wird für Narbensalbe und Schuhe ausgegeben, und es wird gespart. Wer weiß schon, was noch passiert.